IT-Infrastrukturen sind meist über die Jahre gewachsen und oft nicht leicht überschaubar. Dies sorgt für hohe Folgekosten bei Betrieb und Wartung. Eine geschickte Verzahnung von Prozessen, Applikationen und IT-Infrastruktur ermöglicht es Unternehmen „wildgewachsene“ Infrastrukturen dauerhaft in den Griff zu bekommen. Integrative Ansätze sind gefragter denn je.
Eine IT-Infrastruktur ist weitaus mehr als die Summe ihrer Komponenten. Was oft fehlt ist ein dokumentierter konzeptioneller Überbau. Dieser stellt in der Regel erst den Bezug zu den unternehmenslogistischen Prozessen her und sorgt für die notwendige Kontrolle. Entscheidend bei dem Vorhaben eine IT-Infrastruktur auf ein dokumentiertes und systematisch strukturiertes Fundament zu stellen, ist die zukünftig beabsichtigte Orientierung: Richtet man die IT auf Compliance-Anforderungen, Wirtschaftlichkeit, IT-Sicherheit oder auf Quantifizierung und Messbarkeit von Serviceleistungen aus?

Bild1: In jedem Unternehmen wollen komplexe IT-Systeme sowie deren IT-Infrastruktur dauerhaft beherrscht werden.
Kontinuität und Nachhaltigkeit durch Dokumentation
In der Regel entscheiden sich Unternehmen für
Mischformen. Allen gemein ist die Tatsache, dass eine Einführung
ohne Managementbeteiligung, entsprechende qualifizierte Mitarbeiter,
sowie einer grundlegenden Konzeptionierung und Systematik bei der
Dokumentation nicht funktionieren kann. Kontinuität und
Nachhaltigkeit wird erst durch entsprechendes Dokumentationsmanagement,
ein gelebtes Risikomanagement, sowie angewendete
Änderungskontrollmechanismen erzielt. Hat man sich für
eine Ausrichtung entschieden, sollte mit der Inventarisierung der
konfigurierbaren IT-Infrastruktur Objekte begonnen werden, auf deren
Basis in einem Folgeschritt die jeweiligen Klassifizierungen erfolgen.
Unterscheidungsmerkmale können Compliance-Anforderungen,
Komplexität, Kritikalität des unterstützten
Unternehmensprozesses etc. sein. Idealerweise geschieht dies
kontextbezogen, das heißt nicht jede Hardwarekomponente wird
flach aufgeführt, sondern die entsprechenden IT-Systembezüge
werden hergestellt und erfasst, siehe ERP-System zur Abbildung der
unternehmenslogistischen Prozesse. Aufgeführte Systeme werden
unter anderem durch Komponentenlisten abgebildet. Vorgehensweisen und
Strategien sollten in Qualitätshandbüchern, Masterplänen
etc. niedergeschrieben sowie vom Management getragen und legitimiert
werden. Die Dokumentation entlang des jeweiligen Systemlebenszyklus
erfolgt strukturiert und gemäß der jeweiligen Einstufung
beziehungsweise Klassifizierung. Zur Aufwandsminimierung sollte die
Systemeinstufung auf Basis von Risikoanalysen gegen vorab definierte
Akzeptanzkriterien erfolgen.
Verschmelzung von Fachbereich und IT
Applikationssysteme werden gemäß ihrer Innen- und
Außenwirkung im Unternehmen betrachtet. Eine Trennung zwischen
Applikationsverantwortlichen und Server- bzw. Hardwareverantwortlichen
mit klar definiertem Verantwortungsbereich ist ratsam.
Weiterführende Konzepte empfehlen den Einsatz von
Systemeigentümern bis hin zu Prozesseigentümern. Diese
verantworten das System beziehungsweise den
Unternehmens-/Produktionsprozess und folgen der Maxime:
Prozessanforderung ändert System/Applikation, System/Applikation
ändert IT-Infrastruktur. Damit eine qualifizierte IT das
Unternehmen angemessen unterstützen kann, ist eine Verschmelzung
von Fachbereich und IT unumgänglich. Idealerweise setzt man
innerhalb der Fachbereiche auf Schlüsselpersonen. Diese
„Mittelsmänner“ sollten über eine Mischform von
IT- und fachbereichsspezifischen Kenntnissen verfügen, damit
Anforderungen konsolidiert und vor allem in der richtigen Sprache in
die IT transportiert werden können. Der logische Bezug zur
IT-Infrastruktur wird über den scheinbaren Umweg der
IT-Applikation hergestellt. Der Fachbereich kommuniziert Anforderungen
über die Schlüsselperson an die Verantwortlichen der
IT-Applikation. Relevante Anpassungen der IT-Infrastruktur werden bei
Bedarf an diese zur Überprüfung respektive Umsetzung
weitergegeben.
Standard oder Sonderwunsch
Die Kommunikation sollte entlang formalisierter Pfade erfolgen, zum
Beispiel gemäß der Systematik eines dokumentierten
Änderungswesens. Der direkte Bezug der IT zu den
Unternehmensprozessen ist nicht für alle IT-Infrastruktur
Komponenten herstellbar. In diesen Fällen spricht man von
dedizierten IT-Prozessen. IT-Prozesse, zum Beispiel das
Konfigurationsmanagement, können vollständig oder teilweise
durch dedizierte Softwaresysteme abgebildet werden. Die Schnittstellen
zum Fachbereich sollten über dokumentierte
IT-Prozess-/IT-Servicelandschaften definiert werden. Dienste, die von
mehreren Applikationssystemen gemeinsam genutzt werden, sind lediglich
einmal in ihrer Grundsubstanz (Prozess, Hardware, Software) zu
qualifizieren. Nutzt die Unternehmenssoftware beispielsweise ein
Backupsystem, werden standardmäßig die qualifizierten
Basisdienste (Verfahren, Zyklen, Bandrotationen) angeboten. Diese
wurden vorab ausreichend getestet, mit dem Vorteil, dass zugesicherte
Reaktionszeiten auf faktischen Tests beruhen und folglich realistischer
Natur sind. Sonderwünsche – Abweichungen vom zugesicherten
Standard – sind entsprechend durch Service Level Agreements
sicherzustellen.
IT-Budget im Griff
Bei Neueinführungen oder Releasewechseln sollte die Erstellung der
SLAs bereits während des jeweiligen Projektes erfolgen. In der
Regel „tickt“ die qualifizierte IT-Infrastruktur innerhalb
ihrer definierten Standardparameter. Diese sind dokumentiert, getestet
und können über entsprechende Verträge garantiert
werden. Im Sinne einer kontinuierlichen Verbesserung von Qualität
und Service sollte die IT-Infrastruktur dennoch in
regelmäßigen Abständen auf Einhaltung der eigenen
Vorgaben hin überprüft werden. Im Falle von aufgetretenen
Abweichungen muss diesen angemessen begegnet werden. Zusammenfassend
lässt sich feststellen, dass durch die Qualifizierung der
IT-Infrastruktur und den größtmöglichen Einsatz von
Standards (sowohl in Verfahren, als auch in Soft- und Hardware) ein
modernes Unternehmen komplexe IT-Systeme sowie deren IT-Infrastruktur
dauerhaft beherrschen kann. Durch den zusätzlichen Verzicht auf
Ad-hoc-Änderungen können mit weniger Personal dauerhaft
bessere Ergebnisse erzielt werden, was sich letztendlich im IT-Budget
widerspiegeln wird.
Autor Oliver Herrmann ist Geschäftsführer der Q-Finity IT-Qualitätsmanagement in Heusweiler.
IT&Production, Ausgabe Juli+August 2007